Dienstag, 17. September 2013

Eltern und Erzieher, oder Die pädagogische Mystifikation.



In einer großen Publikumszeitschrift vertrat der Bielfelder Erziehungssoziologe Klaus Hurrelmann seinerzeit die Forderung nach einem „Führerschein für Eltern“: Staatliche Leistungen an Eltern sollten davon abhängig gemacht werden, dass diese sich einer fachlichen Prüfung durch professionelle Pädagogen unterziehen.*
 
Was aber befähigt den Berufspädagogen, die Leistung von Eltern zu beurteilen?
 
Die pädagogische Mystifikation
 
Von den Eltern unterscheidet ihn nur dies: Er hat über Jahrzehnte mit dutzenden und hunderten von Kindern zu tun; jene über einige Jahre mit zwei oder drei, aber heut meistens nur mit einem: Der Pädagoge erlebt mehr. Er hat zu ihnen ein eher sachliches Verhältnis, jene haben ein eher leidenschaftliches. Er hat öfter Gelegenheit zu rein verstandesmäßigen Erwägungen über dies Verhältnis als jene, und er hat Kollegen, die ihn beobachten; jene haben Nachbarn und Verwandte.
 
Das sind alles quantitative Unterschiede und keine qualitativen. Der Berufspädagoge hat kein anderes Wissen über Kinder als die Eltern, sondern allenfalls mehr davon.
 
Dass aber sein Verhältnis ein eher sachliches ist und dass er mehr erlebt, ist eine qualitative Minderung. Die lange Dauer und die Vielzahl seiner Erlebnisse trübt seinen Blick und täuscht objektive Allgemeinheit vor, wo nur subjektive Indifferenz ist. Das Verhältnis von Eltern zu Kindern mag nur fünfzehn oder sechzehn Jahre dauern; aber ihr Verhältnis zu ihren Kindern dauert von der Zeugung bis zum Tod – der einen oder der andern. Das ist kein sachliches Verhältnis, sondern ein existenzielles. Da hat einer den andern zur Welt gebracht. Dieser Sachverhalt ist unvordenklich. An den Berufsumständen des Pädagogen ist gar nichts unvordenklich, alles ist bedingt und aus äußeren Umständen irgendwann geworden – und könnte alles auch ganz anders sein. Das Verhältnis des Pädagogen zu den Kindern ist zufällig, das Verhältnis von Eltern und Kindern ist notwendig.
 
Sind Eltern „Erzieher“? 

Die allgemeine Schulpflicht und die Landnahme der staatlichen Wohlfahrts- bürokratie hat diesen Unterschied kunstvoll vertuscht. Es sieht nun so aus, als seien die Pädagogen ihrerseits notwendig und könnten den Eltern irgendwas beibringen – und sie nötigenfalls ersetzen. Diese Anmaßung ist offenbar unsittlich. Sie kann nur reüssieren dank jener Urmystifikation, die der Berufsstand der Pädagogen im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts auf politischen Wegen der öffentlichen Meinung untergeschoben hat: dass nämlich die Aufgabe von Eltern die Erziehung ihrer Kinder sei; ja dass Eltern überhaupt schlechthin eine Aufgabe hätten!

Doch Elternschaft ist ein existenzielles Verhältnis und keine Aufgabe. Nämlich wenn unter Aufgabe etwas verstanden wird, was erledigt werden kann. Zwar ist in einem duftigen, blumigen, pathetischen Sinn Elternschaft natürlich eine „Aufgabe“ – aber so wie „das Leben“ selbst, nämlich eine, die nicht lösbar ist. Unter „Erziehung“ wird indes gerade eine Aufgabe verstanden, die gelöst werden kann – nur, wie man ja sieht, nicht von den Eltern; es sei denn, sie gingen bei den Pädagogen in die Lehre!
 
Das Leben ist eine Aufgabe, die nicht lösbar ist, weil sie nicht bestimmbar ist. Wenn Erziehung eine Aufgabe sein soll, die von den einen – den professionellen Fachleuten – besser gelöst werden kann als von den andern – den elterlichen Amateuren -, dann müßte sie bestimmbar sein. Kann nun die Pädagogik, die akademische oder die praktische, uns einen Begriff von Erziehung bestimmen? Natürlich nicht; da jagt eine Ausflucht die andre. Aber ebenso natürlich gibt es einen herrschenden Begriff von Erziehung; sie können ihn nur nicht aussprechen. Sie würden sich sonst ganz schön blamieren!
 
Standardisierte Arbeitskraft
 
Der Begriff der Erziehung, und übrigens selbst die Vokabel, ist eine Errungen- schaft der bürgerlichen Gesellschaft, alias Marktwirtschaft.
 
Der Markt macht „alle gleich“ und unterwirft sie einem verbindlichen Standard. Rangunterschiede darf es da nicht geben, Informationsvorsprünge besser auch nicht. „Allgemeinbildung“ wird nötig. Doch die große Masse wird durch die industrielle Produktionsweise zu Lohnarbeitern, die keine Waren auszutauschen haben, sondern lediglich ihr Arbeitsvermögen. Die standardi- sierten Arbeitsprozesse der mechanischen Fabrik verlangen von der Arbeits- kraft eine Mindestqualifikation – das, was bei Marx als „durchschnittliche, gesellschaftlich notwendige Arbeit“ vorkommt.
 
Dazu braucht man Erziehung!
 
Eine genuine, existenzielle Aufgabe von Eltern ist das nicht. Sie sind „dazu da“, ihren Kindern die Welt zu „zeigen“, auf die sie sie „gebracht“ haben, sie ihnen zu erklären, damit sie sich zurechtfinden und es ihnen dort einmal gut geht. Aber einen Auftrag, ihre Kinder für die Bedürfnisse der Gesellschaft tauglich zu machen, haben sie als Eltern nicht. Elternschaft ist nur den Kindern verpflichtet, moralisch und leidenschaftlich. Erziehung ist nicht Teil ihres notwendigen Verhältnisses.
 
Und daher musste sich die bürgerliche Gesellschaft einen Berufsstand erwerbsmäßiger Pädagogen heranziehen – aus dem an der Industrialisierung zugrunde gehenden klassischen Kleinbürgertum. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts boten dann die pädagogischen Berufe einen bequemen Aufstieg aus einer saturierten Arbeiterschaft in die herrschende Klasse; oder doch immerhin in deren ideologische Repräsentanz. Das ist der Kern aller pädagogischen Mysterien; das heißt, der pädagogischen Mystifikation.
 
Am Ende der Industriegesellschaft
 
Doch die Industriegesellschaft vergeht, die Spatzen brüllen es vom Dach. Aus der medialen Revolution geht das hervor, was Feuilletonisten die Risikogesellschaft nennen. Ihre Merkmale sind Individualisierung, Differenzierung, Pluralisierung. Auf dem Arbeitsmarkt wie auf dem Marktplatz der Ideen wird „Entstandardisierung“ zur (negativen) Norm. Die Anforderungen der Arbeitswelt werden immer allgemeiner, und damit unbestimm- ter. Welche die Aufgaben von Erziehung wären, ist seither offen. Was die Pädagogen Sinnkrise und Wer teverfall nennen, ist in Wahrheit nur ihr begründeter Zweifel an der eignen Bestimmung. Denn was sie vor den Eltern auszeichnet, ist nicht mehr positiv, sondern nur noch negativ gesetzt – als Weniger. Ihre ganze Fachlichkeit ist, dass sie’s für Geld machen statt um Gottes Lohn. Ihnen stünde Demut zu Gesicht, nicht Prahlerei. Die pädagogische Situation ist nun wieder, was sie früher war – ein persönliches Verhältnis und kein reguläres. Zu rechtfertigen wäre sie immer nur existenziell, aber nicht objektiv. Als Pädagoge muss ich mich selbst verantworten, nicht mein „Fach“, und daran hab ich genug zu tun.
______________________

*) HörZu 25/2001

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen