Montag, 12. Mai 2014

Offener Brief: Schluss mit PISA!


dave100

Die FAZ berichtete gestern, 11. 5. 2014, über einen Offenen Brief an den Leiter der PISA-Konsortien, der inzwischen von hunderten von Pädagogen und Wissenschaftlern in aller Welt unterzeichnet wurde.

Hier der Brief im Wortlaut:

Offener Brief an Andreas Schleicher, OECD, Paris


Sehr geehrter Herr Dr. Schleicher,

wir wenden uns an Sie in Ihrer Funktion als verantwortlicher Direktor der OECD für das 
„Programme of International Student Assessment“  (PISA). Im dreizehnten Jahr nach sei
ner Einführung ist PISA heute weltweit als Instrument bekannt, um Ranglisten von 
OECD­-Mitgliedsländern und Nicht­-OECD­-Staaten (mehr als 60 in der letzten Zählung) zu
erstellen und zwar aufgrund der Bewertung von Testleistungen von 15­jährigen Schüle-
rinnen und Schülern in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Die PISA-­Ergebnis-
se werden regelmäßig von Regierungen, Bildungsministern sowie den Herausgebern 
von Tageszeitungen ängstlich erwartet und werden in zahllosen politischen Dokumen-
ten als unhinterfragbare Autorität zitiert. PISA hat die Bildungspraxis in vielen Ländern 
inzwischen tiefgreifend beeinflusst. Als Folge der PISA­Tests reformieren Staaten ihre 
Bildungssysteme in der Hoffnung, ihr Abschneiden im PISA­Ranking zu verbessern. In 
vielen Ländern führte der mangelnde Fortschritt bei den PISA­Tests dazu, eine „ Bil-
dungskatastrophe“  oder einen „ PISA­-Schock“  auszurufen, gefolgt von Rücktrittsforde-
rungen und weitreichenden Reformen gemäß PISA-­Maßstäben.

Wir sind offen gestanden tief besorgt über die negativen Folgen der PISA­-Rankings. 

Nachfolgend einige unserer Bedenken:
­ 
Obwohl standardisierte Tests schon länger in vielen Ländern (trotz gravierender Vor-
behalte gegenüber deren Validität und Zuverlässigkeit) gebraucht werden, hat PISA 
zu einer Eskalation solcher Tests beigetragen und zu einem dramatischen Anstieg in 
Gebrauch und Bedeutung quantitativer Messungen geführt. So berief man sich bei
spielsweise in den USA jüngst auf PISA als maßgebliche Rechtfertigung für das „Race­
to ­the­ Top“-­Programm. Dieses Programm hat die Bedeutung standardisierter Tests in 
der Evaluation von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und Schullei-
tern weiter verstärkt. Mit solchen Tests wird die Arbeit von Schülern, Lehrern und 
Schulleitern aufgrund von Testergebnissen bewertet und klassifiziert, die weithin als 
ungenau bekannt sind. (vgl. etwa den unerklärten Abstieg Finnlands vom ersten Platz
der PISA-­Rangliste).
­ 
In der Bildungspolitik hat der dreijährige Testzyklus von PISA die Aufmerksamkeit auf
kurzfristige Maßnahmen verlagert in der Absicht, schnell im Ranking aufzuholen, ob
wohl die Forschung zeigt, dass nachhaltige Veränderungen in der Bildungspraxis 
nicht Jahre, sondern Jahrzehnte benötigen, um fruchtbar zu werden. So wissen wir 
zum Beispiel, dass der Status von Lehrern und das Ansehen des Lehrerberufs einen 
starken Einfluss auf die Unterrichtspraxis haben. Dieser Status ist aber von Kultur zu 
Kultur sehr verschieden und nicht leicht durch kurzfristige politische Maßnahmen ver-
änderbar.

­ 
Da PISA nur einen engen Ausschnitt messbarer Aspekte von Bildung betont, lenken 
die Tests die Aufmerksamkeit von den weniger messbaren oder nicht messbaren Bil-
dungs­ und Erziehungszielen wie z.B. der körperlichen, moralischen, staatsbürgerli-
chen und künstlerischen Entwicklung ab. Dadurch wird die öffentliche Vorstellung 
von dem, was Bildung ist und sein soll, in gefährlicher Weise verengt. 
­ 
Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung ist die OECD naturgemäß auf die 
ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen fokussiert. Aber die Vorbereitung auf 
einträgliche Arbeit kann nicht das einzige, ja nicht einmal das Hauptziel öffentlicher 
Bildung und Erziehung sein. Unser Schulwesen muss Schülerinnen und Schüler auch 
auf die Mitwirkung an der demokratischen Selbstbestimmung, auf moralisches Han
deln und auf ein Leben in persönlicher Entwicklung, Reifung und Wohlbefinden vor
bereiten.
­ 
Im Gegensatz zu Organisationen der Vereinten Nationen (UN) wie UNESCO oder UN-
ICEF, die ein klares und legitimes Mandat im Bildungsbereich haben, verfügt die 
OECD nicht über ein solches Mandat. Auch gibt es derzeit keine Mechanismen, die 
eine wirkungsvolle demokratische Teilhabe an deren Entscheidungsprozessen zu Bil-
dungsfragen ermöglichen. 
­ 
Um PISA und eine große Zahl daran anschließender Maßnahmen durchzuführen, ist 
die OECD „ Public Private Partnerships“  und Allianzen mit multinationalen, profitori-
entierten Unternehmen eingegangen, die bereitstehen, um aus jedem von PISA iden-
tifizierten –  realen oder vermeintlichen –  Bildungsdefizit Profit zu schlagen. Einige 
dieser Firmen verdienen an den Bildungsdienstleistungen die sie für öffentliche Schu
len und Schulbezirke bereitstellen. Diese Firmen verfolgen u.a. auch Pläne, eine profi
torientierte Grundschulbildung in Afrika zu entwickeln, wo die OECD derzeit plant, 
PISA einzuführen. 
­ 
Schließlich und am wichtigsten: Das neue PISA­Regime mit seinen kontinuierlichen 
globalen Testzyklen schadet unseren Kindern und macht unsere Klassenzimmer bil-
dungsärmer durch gehäufte Anwendung von Multiple­Choice­Testbatterien, vorge-
fertigten (und von Privatfirmen konzipierten) Unterrichtsmodulen, während sich die 
Autonomie unserer Lehrer weiter verringert. Auf diese Weise hat PISA den ohnehin 
schon hohen Grad an Stress an unseren Schulen weiter erhöht und gefährdet das 
Wohlbefinden von Schülern und Lehrern.

Diese Entwicklungen stehen in offenem Widerspruch zu weithin anerkannten Prinzipi-
en guter Bildungspolitik und demokratischer Praxis: 
­ 
Keine tiefgreifende Reform sollte auf nur einem einzigen, beschränkten Qualitäts
maßstab beruhen. 
­ 
Keine tiefgreifende Reform sollte die wichtige Rolle von außerschulischen Faktoren 
ignorieren, wozu insbesondere die sozioökonomische Ungleichheit einer Gesellschaft 
gehört. In vielen Ländern hat die soziale Ungleichheit über die letzten 15 Jahre dra
matisch zugenommen, was die sich ausweitende Bildungskluft zwischen Reich und 
Arm erklärt. Diesem sozialpolitischen Problem kommen auch die ausgeklügeltsten Bil
dungsreformen nicht bei. 
­ 
Eine Organisation wie die OECD— wie jede Organisation, die das Leben unserer Ge-
sellschaften tiefgreifend beeinflusst— sollte von den Mitgliedern dieser Gesellschaften
demokratisch zur Rechenschaft gezogen werden können.

Doch wir schreiben nicht nur, um Mängel und Probleme aufzuzeigen. Wir möchten ebenso 
konstruktive Ideen und Vorschlägeanbieten, die dazu beitragen können, die oben angeführten 
Probleme zu verringern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit nennen wir die folgenden:
­ 
Alternativen zu Ranglisten: Es sind aussagekräftigere und weniger sensationsheischende 
Wege für Bildungsvergleiche zu finden. Es macht zum Beispiel weder pädagogischen noch 
politischen Sinn, Entwicklungsländer, in denen 15Jährige regelmäßig zur Kinderarbeit ver-
pflichtet werden, mit Ländern der Ersten Welt zu vergleichen.Zudem setzt dies die OECD 
dem Vorwurf des Bildungskolonialismus aus; 
­ 
Partizipation aller relevanten Akteure: Bis jetzt haben Psychometriker, Statistiker und 
Ökonomen den größten Einfluss auf Testkonzeption und ­durchführung. Ihnen steht 
sicher ein Platz am Tisch zu. Dies gilt aber auch für Eltern, Pädagogen, Vertreter der 
Bildungsverwaltung, Studenten und Schüler ebenso wie für Wissenschaftler aus Diszi-
plinen wie der Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik wie 
auch der Kunst und den Geisteswissenschaften. Woran und wie wir die Bildung von 
15­jährigen Schülern bemessen, sollte Gegenstand von Diskussionen sein, bei denen 
alle diese Gruppen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene einbezogen 
sind. 
­ 
Einbeziehung der vollen Bandbreite nationaler und internationaler Organisationen: 
Insbesondere Organisationen, deren Auftrag über den ökonomischen Aspekt öffentli-
cher Bildung hinausgeht und die sich mit Gesundheit, umfassender Entwicklung, 
Wohlbefinden und Glück der Schüler und Lehrer beschäftigen. Das würde sowohl die 
oben erwähnten Organisationen der Vereinten Nationen als auch –  um nur einige zu 
nennen –  Verbände von Lehrern, Eltern und Schulverwaltungen miteinschließen.
­ 
Kostentransparenz: Die direkten und indirekten Kosten der Durchführung von PISA 
sollten veröffentlicht werden, so dass die Steuerzahler der Mitgliedstaaten alternative
Verwendungen der Millionenausgaben für diese Tests erwägen und bestimmen kön-
nen, ob sie weiterhin an diesen Tests teilnehmen wollen.
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Unabhängige Aufsicht und Überwachung: Unabhängige internationale Beobachter
teams sollten die Durchführung von PISA von der Konzeption bis zur Umsetzung 
überwachen, so dass häufig geäußerte Kritik bezüglich Testformat, Statistik­ und Aus
wertungsmethoden angemessen diskutiert werden kann und Vorwürfe von Einseitig-
keit und unfairen Vergleichen geprüft werden können. 
­ 
Rechenschaftslegung und Interessenkonflikte: Es sollte detailliert Rechenschaft über 
die Rolle privater, profitorientierter Unternehmen in der Vorbereitung, Ausführung 
und Nachfolge von PISA abgelegt werden, um scheinbare oder tatsächliche Interes-
senkonflikte zu vermeiden. 
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Besinnungspause: Die OECD­Testmaschinerie sollte heruntergefahren werden. Um 
Zeit für die Diskussion der hier erwähnten Aspekte auf lokaler, nationaler und inter-
nationaler Ebene zu gewinnen, wäre es nützlich, den nächsten PISA-­Zyklus auszuset-
zen. Das würde Zeit verschaffen, um das Gelernte, das aus den vorgeschlagenen Über
legungen hervorgeht, zu verarbeiten.

Wir zweifeln nicht, dass die PISA­Experten der OECD den aufrichtigen Wunsch haben, 
Bildung zu verbessern. Aber wir können nicht verstehen, wie die OECD zum globalen 
Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung in der ganzen Welt werden konnte. 

Die enge Ausrichtung der OECD auf standardisierte Tests droht Lernen in Pedanterie zu 
verwandeln und Freude am Lernen zu beenden. Durch den von PISA stimulierten inter-
nationalen Wettlauf um Testergebnisse hat die OECD die Macht erhalten, weltweit Bil-
dungspolitik zu bestimmen, ohne jede Debatte über die Notwendigkeit oder Begrenzt-
heit der OECD­-Ziele. Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen 
und ­kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen 
und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden.

(Autorisierte Fassung von „Open Letter to Andreas Schleicher“; Übersetzung: Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.)

Heinz ­Dieter Meyer
Professor, State University of New York

Katie Zahedi, 
Schulleiterin, Linden Avenue Middle School, Red Hook, New York



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